Rotes Rathaus in Berlin
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Botschaften des Berliner Handwerks für die neue Legislaturperiode





Neustart nach der Corona-Pandemie

Als Motor und Antrieb des Wirtschaftswachstums benötigt das Berliner Handwerk Aufträge, sowohl von Privatkunden als auch insbesondere der öffentlichen Hand. Dafür ist entscheidend, dass die ausgeschriebenen Aufträge auch bei den Handwerksbetrieben ankommen! Deshalb sind die Vergabekriterien (wie zum Beispiel geforderte Mindestumsätze) und Losgrößen (wie etwa beim Schulneubau gefordert) kritisch zu prüfen. Sonst können speziell die kleineren und mittelgroßen Betriebe des Berliner Bau- und Ausbauhandwerks schon ausschreibungsbedingt nicht zum Zuge kommen und sind damit im Wettbewerb benachteiligt.
Maßnahmen zur Konjunkturankurbelung und Förderprogramme müssen der besonderen Struktur des Berliner Handwerks gerecht werden: Vermeidbarer bürokratischer Aufwand bei der Beantragung ist speziell von den Kleinbetrieben des Berliner Handwerks nicht zu leisten.
Eine wesentliche Komponente wirtschaftlicher Rahmenbedingungen ist die technische und bauliche Infrastruktur. Ihre Erhaltung und weiterer Ausbau (z. B. mittels Glasfaser-Technologie) sind wesentliche Voraussetzung für die Einsatzfähigkeit und Effizienz der Berliner Handwerksbetriebe, die wiederum als Partner für deren Neu- und Ausbau sowie Instandhaltung bereitstehen.
Das Berliner Handwerk ist kreativ und innovativ. Diese Stärken gilt es weiter zu fördern. Hierzu gehören die Fortsetzung und Verstetigung der mit der „Ideenwerkstatt“ begonnenen Aktivitäten zur Steigerung der Innovationskraft von Handwerksbetrieben, beispielsweise durch die Vernetzung von Start-ups mit dem etablierten Handwerk. Die weitere Förderung des Technologietransfers zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist eine ergänzend notwendige und wesentliche Maßnahme zur Förderung der Markteinführung innovativer Produkte und Dienstleistungen.
Die Corona-Pandemie verursacht auch beim Berliner Handwerk direkt und indirekt schwere wirtschaftliche Verwerfungen. Um coronabedingte Insolvenzen kurz- und mittelfristig zu vermeiden, muss die sehr angespannte finanzielle Lage vieler Klein- und Kleinstbetriebe verbessert werden. Die bereitgestellten „Liquiditätshilfen Berlin“ sollten daher in den Kriterien zu ihrer Gewährung um den Tatbestand „Betrieb ist durch Corona in der Ausübung seiner wirtschaftlichen Aktivität betroffen“ erweitert werden. Auf eine Kofinanzierungskomponente (Einlage der Gesellschafter oder Hausbank etc.) sollte verzichtet werden.
 

Digitalisierung auf breiter Front

Die Integration digitaler Prozesse, Technologien und Geschäftsfelder in die Geschäftstätigkeit der kleinen und Kleinstbetriebe ist ein wesentlicher Baustein, um die Digitalisierung im Berliner Handwerk nachhaltig voranzubringen. Daher ist die „Digitalprämie Berlin“ eine wichtige Investition in die Zukunftsfähigkeit der Betriebe. Coronabedingt hatten viele dieser Betriebe jedoch nicht die Liquidität, den notwendigen Eigenanteil bei der Digitalisierungsförderung aufzubringen. Daher sollte das Berliner Förderprogramm zur Digitalisierung fortgesetzt bzw. wiederaufgenommen werden.
Die Digitalagentur Berlin (DAB) wurde erst relativ spät in der Legislaturperiode gegründet und nimmt nun Fahrt auf. Mit ihren im Aufbau befindlichen Dienstleistungsangeboten werden die bereits bestehenden Angebote der Handwerkskammer Berlin und der Innungen sinnvoll ergänzt und erweitert. Gerade die Klein- und Kleinstbetriebe erhalten dadurch weitere, vielfältige Unterstützungen und Impulse zur Digitalisierung ihrer Prozesse, zur digitalen Modernisierung ihrer Ausstattung sowie zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter*innen. Das Leistungsportfolio der DAB gilt es kontinuierlich an die Bedarfe der Betriebe anzupassen sowie mit bestehenden Angeboten abzugleichen.
Als Service-Partnerin auch des Berliner Handwerks muss die Berliner Verwaltung die Digitalisierung ihrer Verfahrensabläufe mit großen Schritten vorantreiben: Die digitale Aktenführung in den Berliner Verwaltungen gilt es voranzubringen, um Wartezeiten abzubauen und Prozesse zu vereinfachen. Es müssen die Möglichkeiten geschaffen werden, Formulare digital bearbeiten und rechtswirksam versenden zu können. Als wesentliche Komponente hierfür ist ein zentrales Portal für alle digitalen Anträge zu schaffen.
 


Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung

Die zunehmende Akademisierung bei wachsendem Bedarf an beruflich qualifizierten Fachkräften mahnt zum Handeln. Das Handwerk ist von dieser Entwicklung besonders betroffen. Hier gilt es, gezielt tätig zu werden, damit eine Karriere im Handwerk als adäquate Alternative zum Studium sichtbar wird, indem die Berufsorientierung auch in der Sekundarstufe II der Gymnasien verstärkt angeboten wird. Lehrkräfte müssen stärker über berufliche Karrierewege mit einer dualen Ausbildung sensibilisiert werden. Zu den wichtigsten Schritten gehören hier Qualifizierungsangebote für Lehrkräfte.
Die Meistergründungsprämie ist ein bewährtes Instrument zur Stärkung der Betriebsgründung und -nachfolge, womit das nachhaltige Geschäftsmodell des Handwerks gesichert wird. Es unterstützt den Schritt in die Selbstständigkeit, fördert Investitionen und beschleunigt die Einstellung von Personal und Auszubildenden. Daher sollte die Meistergründungsprämie nicht nur fortgesetzt werden, sie sollte sich auch an Förderkonditionen Brandenburgs orientieren, um die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Berlin im Wettbewerb mit Brandenburg nicht zu schmälern.
Der Meisterbonus ist bereits in verschiedenen Bundesländern etabliert. Mit ihm wird ein Anreiz geschaffen, sich beruflich weiterzubilden und die eigene Qualifikation zu stärken. Damit soll die berufliche Aus- und Weiterbildung (wieder) attraktiver werden, um die Nachfrage nach höher beruflich qualifizierten Fachkräften bedienen zu können. Auch entstehen so Anreize, einen Karriereweg im Bereich beruflicher Bildung einzuschlagen. Entsprechend sollte die Einführung eines Meisterbonus auch im Land Berlin erfolgen. Adressaten sind erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen einer Meisterprüfung mit Wohnsitz in Berlin. Der Bonus sollte als nicht zurückzahlbarer Zuschuss gewährt werden.
 


Stärkung der Berufsorientierung

Wichtig ist es, junge Menschen für die duale Ausbildung zu gewinnen. Wachsende Bedeutung kommt dabei gemeinsamen Aktivitäten zu, Schülerinnen und Schüler einen umfassenden Zugang zu den Angeboten der beruflichen Orientierung zu verschaffen. Die BSO-Teams (BSO: Berufs- und Studienorientierung) sowie die Berufsberaterinnen und -berater der Arbeitsagenturen sollten für die Ausbildungs- und Karrierewege im Berliner Handwerk weiter sensibilisiert und entsprechend geschult werden. Hiermit wird die Wahrnehmung und Sichtbarkeit des Berliner Handwerks in den Schulen erhöht. Die Jugendlichen sollen so dazu gebracht werden, stärker als bisher eine berufliche Perspektive für sich im Handwerk zu erkennen. Die Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler sollten zudem verstärkt auf Angebote der digitalen Berufsorientierung hingewiesen werden.
Kindern im Grundschulalter soll durch kindgerechte Vorstellung von Berufen frühzeitig ein Einblick in die Arbeitswelt gegeben werden. Dabei wird auch gezeigt, welchen Platz handwerkliches Tun in der Arbeitswelt einnimmt, die es altersgerecht zu erkunden gilt. Vor allem Kinder aus Familien, die auf Transferleistungen angewiesen sind, entdecken durch die Begegnungen Berufsvorbilder und entwickeln Ideen für die eigene berufliche Zukunft. Dafür wird eine langfristige Zusammenarbeit mit Grundschulen angestrebt. Die weitere Finanzierung durch das Land Berlin wird gemeinsam mit privaten Partnern ermöglicht. Zur Fortsetzung dieser erfolgreichen Arbeit bedarf es der Sicherstellung und Verstetigung der Finanzierung durch das Land Berlin.
 


Ausstattung der Schulen

Die Sekundarschulen sowie beruflichen Schulen (im Rahmen des dualen Systems) sind wichtige Partner der Betriebe. Ihre Aufgaben können sie nur erfüllen, wenn sie über eine moderne Ausstattung verfügen. Hierzu gehört insbesondere eine zukunftsfähige digitale Infrastruktur an allen Schulen. Wesentlich zum Gelingen trägt insbesondere eine entsprechend ausgestattete Lernumgebung bei. Leider hat nicht erst die Corona-Pandemie gezeigt, dass es hier erhebliches Ver- und Nachbesserungspotential gibt.
 


Förderung betrieblicher Ausbildung

Die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) trägt wesentlich zur Ausbildungsfähigkeit und -qualität der Handwerksbetriebe bei. Das Handwerk begrüßt das bisherige Engagement aller Beteiligten bei der Übernahme finanzieller Beiträge. Gemeinsames Ziel sollte sein, dass Bund und Länder die ÜLU jeweils bis zu einem Drittel mitfinanzieren.
Seit nunmehr 7 Jahren profitieren vor allem kleine und mittelgroße Berliner Betriebe vom Service der Verbundberatung Berlin, ihren Fachkräftenachwuchs in Partnerschaft mit einem anderen Unternehmen oder Dienstleister auszubilden. Diese vom Land Berlin geförderte Beratung steht den Betrieben beim Finden von Verbundpartnern, der Vertragsgestaltung zwischen den Partnern sowie bei der Beantragung von Fördermitteln zur Seite. Dieses erfolgreiche Projekt gilt es zu erhalten und weiter auszubauen.
 


Umsetzung der Klimaschutzziele

Die energetische Gebäudesanierung ist in Berlin ein entscheidender Hebel für die notwendige Senkung des Energieverbrauchs und das Erreichen der Klimaschutzziele (Klimaneutralität bis 2050). Angesichts der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie ist sie ein wichtiger konjunktureller Impuls für die regionale Wirtschaft. Bei der energetischen Sanierung öffentlicher Gebäude sollten Senat und Bezirke Vorreiter sein und entschlossen vorangehen. Das Berliner Handwerk steht zur Umsetzung bereit!
Klimaschutz kann nur gelingen, wenn die Nutzung erneuerbarer Energien – wie etwa die Solarenergienutzung – auch dezentral angewendet und in die Breite getragen wird. Damit dieses gelingt, müssen die Regelungen praxisnah gestaltet werden. Aus Sicht des Handwerks sind Anreize wirksamer als Vorschriften. Bürokratische Hemmnisse sind zu beseitigen, zum Beispiel in der Bauordnung mit verminderten Abständen der Photovoltaik-Module zu den Brandwänden, Kompromissen zur Pflicht der Dachbegrünung sowie in den Erhaltungssatzungen und den Vorschriften zum Denkmalschutz.
 


Verfügbarkeit von Gewerbeflächen

Speziell kleinere Betriebe des Berliner Handwerks sind zahlreich auf planungsrechtlich nicht gewerblich gesicherten Standorten ansässig. Sie benötigen dringend langfristig geeignete Gewerbeflächen und -standorte, die gesichert und verfügbar sein müssen. Hierzu gehören auch bezahlbare Gewerbemieten!
Ähnlich der 2013 gegründeten Wohnungsbauleitstelle ist eine zentrale Gewerbeleitstelle beim Senat dringend erforderlich, die in der wachsenden Stadt Berlin als Koordinierungs- und Abstimmungsstelle zwischen den Behörden zu den zentralen Fragen der gewerblichen Standortpolitik fungiert. Hierzu gehören neben der gewerblichen Bestandspflege und -förderung insbesondere die betriebliche Standortsicherung und -entwicklung sowie die Belange des Wirtschaftsverkehrs.
Die Flächenkonkurrenz zwischen Wohnungsbau und Gewerbeansiedlung muss überwunden werden zugunsten einer konsequenten Förderung der Nutzungsmischung – insbesondere der Nutzungen „Wohnen“ und „Arbeiten“. „Integrierte Gewerbeentwicklungskonzepte“ – wie im Stadtentwicklungsplan Wirtschaft postuliert – müssen endlich in die Tat umgesetzt werden und darauf abzielen, Handwerksbetriebe bei Wohnungsbauprojekten planerisch einzubinden. Nutzungsmischungen unterschiedlicher Art, wie etwa von Branchen und Geschäftsmodellen (Stichwort „Vernetzung von New- und Old-Economy“), lassen weitere positive wirtschaftliche Effekte erwarten. Attraktive Städte, Zentren und Kieze leben von Vielfalt, gemischten Nutzungen und kurzen Wegen; „Entmischung“ bewirkt das Gegenteil. Und gerade kleine Handwerksbetriebe müssen in den Kiezen oder Innenstädten erhalten bleiben.
 


Vorrang für den Wirtschaftsverkehr

In der wachsenden Stadt Berlin steigt der Bedarf an Gütern, Bau-, Reparatur- und Serviceleistungen. Deshalb wird dringend ein sachgerechtes Konzept für den Wirtschaftsverkehr benötigt, das insbesondere dessen Liefer- und Stellplatzanforderungen (z.B. Lieferzonen) gerecht wird.
Die Mobilitätswende hin zu klima- und umweltfreundlichen Antriebsystemen muss technologieoffen gestaltet werden. Gerade die Förderung umweltgerechter Antriebe sollte dabei ohne Vorfestlegung auf einzelne Technologien erfolgen, sondern die unterschiedlichen Entwicklungsstränge gleichberechtigt unterstützen und dabei den wirtschaftlichen Möglichkeiten auch kleinerer Betriebe Rechnung tragen.
 


Verlässliche Kinderbetreuung

Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig eine verlässliche Kinderbetreuung ist. Selbstständige sowie Angestellte mit Kindern können nur arbeiten, wenn sie wissen, dass ihre Kinder gut betreut werden. Ein guter Betreuungsschlüssel und sinnvolle Vertretungsregeln für Ausfallzeiten der Erzieherinnen und Erziehern – auch außerhalb von Pandemie-Zeiten – sind hierfür unerlässlich. Studien zeigen, dass die Qualität der Betreuung (Gruppengröße/Anzahl der Kinder pro Fachkraft) Einfluss auf mütterliche Erwerbsentscheidungen hat. Deshalb sind Anstrengungen in diesem Bereich auch für die Deckung des Fachkräftebedarfs von zentraler Bedeutung. Die Qualität und Quantität der Betreuungsangebote in Berlin muss daher weiter verbessert werden.
Im Handwerk arbeiten viele Beschäftigte zu Randzeiten – z. B. frühmorgens in den Bäckereien oder spätabends in der Gebäudereinigung. Die ergänzende Kindertagespflege ist eine gute Möglichkeit, um Eltern und Kitas zu diesen Zeiten zu entlasten. Durch die ergänzende Kindertagespflege im Haushalt der Eltern können Eltern und Kinder in den Morgenstunden entlastet werden und Kitas die Möglichkeit gegeben werden, später zu öffnen. Auf diese Weise erhielte die Kita die Möglichkeit, entweder die Öffnungszeiten nach hinten zu verschieben und somit abends längere Öffnungszeiten anzubieten oder die Qualität der Betreuung durch einen verbesserten Personalschlüssel in der Kernzeit zu erhöhen.
 


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